Sensibilisierendes Konzept, sensibilisierender Begriff (engl.: Sensitizing Concept)

Begriff, mit welchem Blumer (1954) auf den offenen, nicht eindeutig definierten Charakter vieler soziologischer Begriffe aufmerksam machen wollte. »Kultur«, »Person«, »Struktur« und viele andere soziologischen Kernbegriffe seien, so Blumer, keine endgültigen, klar definierten Konzepte mit eindeutigen Referenten, sondern vermittelten nur – nicht sehr präzise – Vorstellungen darüber, worauf im Forschungsprozess geachtet werden solle; sie würden Fragen und Forschungsprobleme eher anregen (eben für sie sensibilieren), als eindeutige Lösungen bereitstellen.

Der Begriff – oder soll man sagen: die Idsee? – des sensibilisierenden Konzepts wird heute vor allem als charakteristischer Ausgangspunkt qualitativer Sozialforschung reklamiert (siehe etwa van den Hoonard 1997). Tatsächlich war Blumer jedoch der Auffassung, dass alle Soziologen bzw. Sozialwissenschaftler mit sensibilisierenden Begriffen arbeiteten, einfach deshalb, weil dies in der Natur der Sache liege. Unterschiede zwischen verschiedenen Forschungsrichtungen ergeben sich nach Blumer erst hinsichtlich des Umgangs mit diesem Sachverhalt: Standardisierte Forschung würde versuchen, exakte und stabile Messprozeduren zu entwickeln (freilich um den Preis, der Komplexität der sozialen Welt nicht gerecht zu werden); »naturalistische« Forschung (dies Blumers Bezeichnung für eine Methodik, die man heute als »qualitativ« bezeichnen würde) solle dagegen anstreben, den inhärent sensibilisierenden Charakter soziologischer Begriffe zu akzeptieren und die Vielfalt empirischer Phänomene durch »direct study of our natural social world« (Blumer 1954, S. 10) zu erfassen.

Literatur:

  • Blumer, Herbert: What's Wrong with Social Theory? in: American Sociological Review, 1954, S. 3-10
  • van den Hoonaard, Will C.: Working with Sensitizing Conceps. Thousand Oaks, Sage: 1997 (Qualitative Research Methods Series 41)

© W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES | Last update: 30 Dec 1999