Feld, Feldforschung (engl.: Field, Field Research)

Empirisch forschende Sozialwissenschaftler(innen) haben es – entweder persönlich oder über die Beauftragung eines Forschungsinstituts oder anderer Forschungsmitarbeiter(innen) – im Rahmen eines Forschungsvorhabens kurz über lang mit dem »Feld« zu tun. »Qualitative« Forschung ist ohnehin von Haus aus »Feldforschung« (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008: 54; siehe auch Lueger 2000); aber auch in der standardisierten Forschung beginnt irgendwann die Feldphase.

Betreiben empirische Sozialforscher(innen) also Ackerbau? Findet ihre Forschung vorwiegend im ländlich-agrarischen Raum unter freiem Himmel statt? Auch wenn das Titelbild eines einschlägigen Buches (Breidenstein et al. 2013) genau dies nahelegt, trifft es keineswegs zu. »Feld« ist vielmehr ein Differenzbegriff: Von Feld zu sprechen heißt die Tatsache zum Thema zu machen, dass der Forschungsgegenstand (das Individuum, das befragt, die Organisation, die untersucht, eine bestimmtes Setting oder eine »Szene«, die erkundet wird) in eine soziale Praxis eingebunden ist, die unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Forschung existiert und der die Forschung zunächst fremd (und in aller Regel auch gleichgültig) ist. »Feldforschung« oder »ins Feld gehen« meint also die keineswegs triviale Arbeit der Kontaktierung der zu untersuchenden Personen (gegebenenfalls über Schlüsselpersonen), der Gewinnung ihrer Kooperationsbereitschaft und schließlich der Durchführung der Datenerhebungen.

Wenn gesagt wird, dass qualitative Forschung im Kern Feldforschung ist, so ist damit gemeint, dass hier in aller Regel der Kontakt mit »dem Feld« intensiver ist als in der standardisierten Forschung, die sich auf das (in moderneren Gesellschaften) den meisten Menschen präsente kulturelle Muster der Umfrage beziehen kann und deren Feldkontakt über die Dauer des Interviews und evtl. begleitender Maßnahmen (etwa Dankesschreiben zur Aufrechterhaltung des Kontakts in Längsschnittstudien) nicht hinausgeht. In der qualitativen Forschung hingegen ist schon die Erschließung und Abgrenzung des »Feldes« in aller Regel nicht trivial. Oftmals – vor allem, wenn die Forschung sich auf Beobachtung stützt bzw. ethnographisch vorgeht – ist hier auch der Kontakt zum bzw. Aufenthalt im Feld deutlich länger und es werden wesentlich umfassendere Daten gesammelt als in der standardisierten Forschung; auch wenn Forschung letztlich notwendigerweise selektiv bleiben muss, kann das Feld grundsätzlich hier in seiner Gesamtheit zum Gegenstand werden.

Literatur:

  • Breidenstein, Georg/Hirschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert/Nieswand, Boris: Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft (UTB Band-Nr. 3979), 2013.
  • Lueger, Manfred: Grundlagen qualitativer Feldforschung. Wien: WUV (UTB 2148), 2000
  • Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika: Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg, 2008
  • Schatzman, Leo/Strauss, Anselm L.: Field Research. Strategies for a Natural Sociology. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall, 1973

© W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES | Last update: 04 Aug 2017