Beobachtung (engl.: Observation)

1. Im Kontext der empirischen Sozialforschung versteht man unter Beobachtung einen spezifischen Zugang zu sozialen Phänomenen, bei dem Daten über die Untersuchungsobjekte nicht auf deren Auskunft beruhen (wie z.B. in der Befragung), sondern direkt durch den Forscher oder durch von ihm instruierte Personen erhoben werden. Die B. bezieht sich dabei im allgemeinen auf Verhaltens- , Handlungs- und Interaktionsformen, also auf overte, manifeste Phänomene. Gleichwohl spielt die Wahrnehmungs- und Aufnahmekapazität der ForscherInnen eine sehr wichtige Rolle.

Zu unterscheiden ist zunächst zwischen der B. künstlich hergestellter Situationen und derjenigen ›natürlicher‹ Situationen, die nicht spezifisch auf den Forschungszweck hin arrangiert worden sind. Beispiele für den ersten Fall sind sozialpsychologische Experimente, etwa eigens arrangierte Gruppendiskussionen, deren Verlauf analysiert wird. Als Beispiel für die B. ›natürlicher‹ Situationen kann die Analyse von Gruppenstrukturen bei Jugendgangs gelten, wie sie von Whyte (1996) vorgenommen wurde.

Beobachtungsverfahren lassen sich weiter unterscheiden nach dem Grad der Standardisierung, dem die Protokollierung der Beobachtungen unterworfen ist. In den oben erwähnten experimentellen Settings, aber durchaus auch in ›natürlichen‹ Situationen wie etwa Klassenzimmern, Gerichtssälen usw. kommen häufig standardisierte, detaillierte und spezialisierte Codierschemata zum Einsatz, in die die beobachtende Person Einträge macht (bspw. über die Art, Häufigkeit und Länge der Beteiligung einzelner Personen am Gruppengeschehen). Es wird also vor der Untersuchung festgelegt, was beobachtet werden soll, d.h. was im Hinblick auf die Forschungsfragestellung wichtig erscheint.

In diesem Kontext der standardisierten B. ist dann näher zu unterscheiden zwischen Erhebungsverfahren, bei denen die einzelnen ›Handlungszüge‹ der Akteure erhoben werden, und solchen, bei denen summarische Beurteilungen ihres Handelns/Verhaltens mittels Rating-Verfahren vorgenommen werden (Cairns/Greene 1979, Poole et al. 1987). Weiterhin wird unterschieden, ob von vornherein nur bestimmte Phänomene (Verhaltensweisen, Eigenschaften etc.) erhoben werden sollen, oder ob der Anspruch besteht, alle Verhaltensweisen nach einen bestimmten Schema zu klassifizieren. (In ersterem Fall spricht man von einem »Zeichensystem«, in letzterem von einem »Kategoriensystem«; diese Begriffe sind leider nicht sehr erhellend.) Das wohl bekannteste und auch heute noch gelegentlich gebrauchte Kategoriensystem wurde von Bales (1951) unter dem Namen »Interaction Process Analysis« veröffentlicht.

Der Grad der Vorstrukturierung der B. kann jedoch soweit abnehmen, dass zunächst gleichsam der Anspruch erhoben wird, ›alles‹ zu beobachten bzw. – weil dieser Anspruch selbstverständlich nicht einlösbar ist – aus dem untersuchten Phänomen heraus die wichtigen und festzuhaltenden Dimensionen der B. zu entwickeln. Dazu werden zunächst ausführliche schriftliche oder mündliche Protokolle der B.en angefertigt, die im Laufe der Untersuchung auf spezifische Dimensionen hin strukturiert werden (können).

Eine weitere Unterscheidung betrifft den Grad der Einbindung des Forschers oder der Forscherin in das Untersuchungsfeld. Man spricht von nicht-teilnehmender Beobachtung, wenn die ForscherInnen selbst nicht aktiver Bestandteil des Beobachtungsfeldes sind. Oft – gerade im Bereich der offenen B. in natürlichen Settings – ist B. aber nur durch eine mehr oder weniger aktive Teilnahme im Untersuchungsfeld möglich (teilnehmende B. (engl.: participant observation)). Ein besonderes moralisch-ethisches (aber auch methodisches) Problem ergibt sich ferner dadurch, dass entschieden und verantwortet werden muss, ob eine B. offen, d.h. mit Wissen und Zustimmung der Beobachteten, oder aber verdeckt, d.h. ohne deren Wissen erfolgt. Obwohl bei einer offenen B. von einer Reaktivität der Beobachteten auszugehen ist, wird eine verdeckte B. nur in sehr wenigen, ganz besonderen Fällen gerechtfertigt sein.

Als weitere wichtige Probleme gelten die methodische Kontrolle der Beobachtungsleistung (sehen die ForscherInnen nur, was sie sehen wollen?) und – bei der teilnehmenden B. – das »going native«, d.h. eine Überidentifikation mit dem Untersuchungsfeld, die letztlich zum Verzicht auf wissenschaftiche Analyse führen kann. Das Kontrollproblem kann u.U. durch eine Ergänzung der B. durch andere Methoden der Datenerhebung reduziert werden. Vor allem empfiehlt sich nicht nur eine intensive (ggfalls Selbst-)Schulung der BeobachterInnen, sondern eine Überprüfung von Inter- und Intra-Rater-Reliabilität.

Haupteinsatzfeld der B. im Bereich der qualitativen Forschung sind ethnologische oder ethnographische Analysen besonderer sozialer Gruppen oder Situationen. Häufig geht es dabei um eine fokussierte Ethnographie im Sinne Knoblauchs (2001).

Als Sonderfall der B. kann man schließlich die Erhebung von ›Spuren‹, die Handlungen hinterlassen, bezeichnen, wie sie im Rahmen der nicht-reaktiven Verfahren durchgeführt wird.

2. In der konstruktivistischen Erkenntnistheorie (insbesondere jener Spielart, die manchmal als »radikaler Konstruktivismus« bezeichnet wird), wird als B. der fundamentale Sachverhalt bezeichnet, dass Erkenntnisse immer von beobachtenden Subjekten erzeugt werden, dass es also keine beobachtungs-unabhängige Erkenntnis geben kann. In den Worten eines Experten:

»Kein Beobachter hat es mit der ›Realität‹ an sich zu tun, sondern stets nur mit seiner ›selbsterzeugten Erfahrungswirklichkeit‹.
›Objekte‹ sind keine Gegenstände in einer der Erkenntnis vorausliegenden Realität, sondern relativ stabile ›Eigenwerte‹ eines fortlaufenden Beobachtungsprozesses eines wirklichkeitserzeugenden Beobachters!
›Subjekte‹ sind keine den wirklichkeitserzeugenden Prozessen zugrunde liegenden Instanzen, sondern selbst per Beobachtungsoperationen generierte Konstrukte!«
(Bardmann 1997, S. 9.).

Wer etwas Hegel gelesen hat, wird das freilich kaum besonders neu finden – nur die Begründungen sind moderner (wenn auch nicht unbedingt besser).

Im Text zitierte Literatur:

  • Bales, R. F.: Interaction Process Analysis. Chicago: Chicago University Press, 1951
  • Bardmann, Th. M.: Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Zirkuläre Positionen. Konstruktivismus als praktische Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997, S. 7-18
  • Cairns, R. B./Green, J. A.: How to Assess Personality and Social Patterns: Observations or Ratings?, in: Cairns, R. B. (Hrsg.): The Analysis of Social Interactions: Methods, Issues and Illustrations. Hillsdale, NJ: Erlbaum, 1979, S. 209-226
  • Knoblauch, Hubert: Fokussierte Ethnographie: Soziologie, Ethnologie und die neue Welle der Ethnographie, in: Sozialer Sinn 2, 2001, S. 123-114.
  • Poole, M. S./Folger, J. P./Hewes, D. E.: Analyzing Interpersonal Interaction, in: Roloff, M. E./ Miller, G. R. (Hrsg.): Interpersonal Processes: New Directions in Communication Research. Newbury Park: Sage, 1987, S. 220-256
  • Whyte, W. F.: Die Street Corner Society. Die Sozialstruktur eines Italienerviertels. Berlin/New York: de Gruyter, 1996

Einführungsliteratur zum Thema:

  • Faßnacht, Gerhard: Systematische Verhaltensbeobachtung. Eine Einführung in die Methodologie und Praxis. Zweite, völlig neubearbeitete Auflage. Ernst Reinhard Verlag, München, Basel, 1995
  • Lüders, Christian: Beobachten im Feld und Ethnographie, in: Flick, Uwe/ von Kardorff, Ernst/Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg: rowohlt, 2000, S. 384-401

© R. Keller, W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES | Last update: 08 Apr 2011